VGR-Bürgerinfo

    Christian Liebel ist Mitglied der W3C Technical Architecture Group

    Auf dem Olymp des Internet

    Nach welchen technischen Regeln funktioniert das Internet? Wie stellt man sicher, dass alle Geräte miteinander kommunizieren können? Wie integriert man Innovationen?

    Um all diese Fragen kümmert sich die zwölfköpfige W3C Technical Architecture Group (TAG). Sie ist – vereinfacht gesagt – der „Aufsichtsrat“ des World Wide Web. Seit Februar ist Christian Liebel aus Leimersheim Mitglied in einem der wichtigsten Gremien der Onlinewelt.

    ???: Christian, erst einmal herzlichen Glückwunsch. Wie kam es dazu, dass Du in der TAG vertreten bist?
    Christian Liebel: Vielen Dank. Ich war im ersten Moment natürlich selbst überrascht, konnte mir das gar nicht vorstellen. Von den Mitgliedern werden acht gewählt, drei ernannt und eines ist Mitglied auf Lebenszeit. Ich gehöre zu den acht gewählten Mitgliedern. Den ersten Kontakt gab es während der Vorbereitungen auf die Leimersheimer Kerwe 2024. Ich kam gerade von der Metro in Karlsruhe zurück und hatte eine Mail auf dem Handy von jemandem, der meinte, er könne sich vorstellen, dass ich für die TAG kandidiere.

    ???: Und was war Deine Reaktion?
    Liebel: Erst dachte ich: Da sitzen Leute von Microsoft, von Google, drin. Wie kommen sie auf mich? Aber dann bin ich nach Los Angeles zu einer W3C-Sitzung (World Wide Web Consortium, die Dachorganisation der TAG) geflogen und habe mich mit den TAG-Vorsitzenden unterhalten. Die waren von meiner Eignung überzeugt, also habe ich mich zur Wahl gestellt. Beim ersten Anlauf 2025 hat es nicht geklappt, aber bei der letzten Wahl war es dann soweit und seit 1. Februar gehöre ich der TAG an.

    ???: Wie lange bist Du gewählt?
    Liebel: Zwei Jahre mit der Möglichkeit der Verlängerung um zwei weitere Jahre.

    ???: Was macht die TAG genau? Was kann sich ein Laie darunter vorstellen?
    Liebel: Die TAG ist das Architekturgremium des World Wide Web, wenn man so will auch wie eine Art „Aufsichtsrat“. Wir versuchen die Grundwerte und -züge der Technologie zu erhalten und zu erweitern. Eine bekannte, ursprünglich vom W3C standardisierte Technologie ist beispielsweise HTML, der technische Unterbau von Websites. Wir reviewen Vorschläge, die uns präsentiert werden und wägen ab, ob wir empfehlen, diese zu integrieren. Dabei arbeiten wir mit Userinnen und Usern, Entwicklerinnen und Entwicklern und Browserherstellern zusammen.

    ???: Was sind aktuelle Herausforderungen, vor denen das Web steht?
    Liebel: Ein aktuelles Thema ist beispielsweise die Altersprüfung im Web. Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, diese zu realisieren – zum Beispiel über digitale Ausweisdokumente, die in der EU bald kommen könnten. Über einen im Smartphone-Wallet hinterlegten Ausweis kann man sich verifizieren, also Alter oder Region, in der man sich befindet – was eine gute Sache sein kann. Umgekehrt besteht die Gefahr, dass Websites für alles Mögliche eine Identifikation verlangen werden. Viele der Milliarden Menschen, die das Web täglich weltweit nutzen, werden gar keinen solchen Ausweis haben. Dann werden Zugangsbarrieren errichtet und das wiederum gefährdet die Freiheit des Internets. Auch die Frage der Integration von Künstlicher Intelligenz ins Web ist wesentlich – wie gehen wir damit künftig um? Hier wird sich vieles verändern.

    ???: Wie oft tritt die TAG zusammen, um diese Fragen zu diskutieren?
    Liebel: Dreimal die Woche in digitaler Form und dreimal im Jahr an wechselnden Standorten auf der Nordhalbkugel. Für die Arbeit in der TAG, die rund 20 Prozent meiner Arbeitszeit in Anspruch nimmt, stellt mich mein Arbeitgeber dankenswerterweise frei.

    ???: Wo arbeitest Du hauptberuflich?
    Liebel: Ich bin Softwareentwickler und Berater bei Thinktecture, einer Firma mit Büro in Karlsruhe und betreue Kundinnen und Kunden aus der DACH-Region. Wir bauen zusammen mit ihnen Software, grob gesagt. Es gibt kaum noch native Software für die Geräte selbst, vieles wird direkt fürs Web entwickelt. Ich kenne Leute von Microsoft, Apple, Google, und wir tauschen uns regelmäßig aus, sodass ich weiß, in welche Richtung sich die Technologie entwickelt. Das verknüpfen wir dann mit dem Feedback der großen Browserhersteller, die die Entwicklungen implementieren müssen. Kleiner Spaßfakt am Rande: Ich bin Beitragender zu allen Browserengines von Safari über Firefox bis Chrome und Edge.

    ???: Also trägt jeder ein Stückchen Christian Liebel in Form von Browsercode in der Hosentasche mit sich herum?
    Liebel: Genau so ist es (lacht).

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