Herausforderungen gut bewältigt

    Rück- und Ausblick der Sozialstation

    Seit Ausbruch der Corona-Pandemie Anfang 2020 hatten insbesondere Pflegeeinrichtungen große Herausforderungen zu bewältigen – so auch die Sozialstation Rülzheim-Bellheim-Jockgrim: Während es am Anfang hauptsächlich um organisatorische Maßnahmen ging und die Beschaffung von Schutzausrüstung im Vordergrund stand, sorgte im späteren Verlauf der Ansturm von Anfragen in Pflegeeinrichtungen für Kapazitätsengpässe. Inzwischen hat sich die Lage wieder entspannt, wie Geschäftsführerin Gabi Xander-Decker berichtet.

    ???: Vor welchen Herausforderungen stand die Sozialstation zu Beginn der Corona-Krise?
    Gabi Xander-Decker: Neu war, dass am Anfang nicht genügend Schutz- und Hilfsmittel zur Verfügung standen und wir keine persönliche Schutzausrüstung (PSA) besorgen konnten. Zwar haben wir gleich nach Bekanntwerden des ersten Falls in Deutschland unser Lager mit unserem ursprünglichen Jahresbedarf von Mund-Nasen-Schutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel aufgefüllt, aber das Fehlen von PSA hat unsere Mitarbeiterinnen sehr verunsichert.

    ???: Warum war es so schwierig, an PSA zu kommen?
    Gabi Xander-Decker: Am Anfang fehlte es an Strukturen und Informationen seitens der übergeordneten Behörden, das hat sich natürlich negativ ausgewirkt und auch zu Hamsterkäufen geführt – nicht nur bei PSA. Ab 14. März, also kurz nach der ersten Corona-Bekämpfungsverordnung, war alles ausverkauft, die Preise explodierten und es war noch unklar, wie die Finanzierung für PSA und Schutzmittel aussieht.



    ???: Wie haben Sie das bewältigt?
    Gabi Xander-Decker: Wir haben Frauennetzwerke angesprochen, die uns in einer Wochenendaktion spontan und mit viel Kreativität und Engagement mit selbstgenähten Stoffmasken versorgten. Dann spendete die Firma Wolf aus Leimersheim die ersten Face-Shields. Die Solidarität der Bürgerinnen und Bürger, die Dankbarkeit und Wertschätzung waren sehr bewegend. Auch die Verbandsgemeinde hat uns bei der Beschaffung von PSA unterstützt, die IT dafür gesorgt, dass kurzfristig Homeoffice möglich war.
     
    ???: Was änderte sich für die Mitarbeiterinnen?
    Gabi Xander-Decker: Die verschärften Hygieneregeln hatten Auswirkungen auf unsere Einsatzzeiten; das Tragen von Schutzkleidung strengt auch körperlich an. Das bedeutete einen erhöhten Zeitaufwand und eine höhere Arbeitsbelastung insgesamt. Ab April ist das spürbar geworden: Die Pflegekräfte aus Osteuropa sind in ihre Heimat zurückgereist – die wegbrechende Unterstützung zuhause konnte in vielen Familien nur durch uns aufgefangen werden. Auch Pflegeheime konnten keine neuen Bewohner*innen mehr aufnehmen, die Tagespflegen wurde stark eingeschränkt oder ganz geschlossen. Das bedeutete für uns einen großen Mehraufwand. Nur durch das überaus große Engagement unserer Mitarbeiterinnen ist es uns gelungen, Versorgungsengpässe weitgehend zu vermeiden. Trotz aller Ängste und Belastungen haben sie unsere Patient*innen und Kund*innen mit Empathie, Geduld und Kompetenz versorgt, nie war der Zusammenhalt größer als in dieser Zeit.

    ???: Wie hat sich die Lage seit dem Ausbruch der Pandemie bis heute verändert?
    Gabi Xander-Decker: Regelmäßige Fortbildungen in gewohnter Form sind bis heute noch nicht durchführbar, Dienstübergaben, Fallbesprechungen und der Austausch untereinander ist nur telefonisch möglich. Die Arbeit bei den Pflegebedürftigen selbst erfordert nach wie vor das ständige Tragen einer FFP2-Maske und weiterer PSA wie Schutzkittel, Haube und Face-Shield. Pflege lebt von Nähe und Berührung, Kommunikation mit alten Menschen findet über Blickkontakt, Gestik und Mimik statt. Das ist ein großes Thema bei unseren Patienten*innen: Einsamkeit und Isolation, fehlende Besuche von Kindern, Enkelkindern, Einschränkungen der Kontakte.

    ???: Wie geht die Entwicklung in den nächsten Wochen und Monaten weiter?
    Gabi Xander-Decker: Ganz besonders die Impfungen lassen uns optimistischer in die Zukunft schauen: Bei uns gibt es eine hohe Impfbereitschaft unter den Mitarbeiterinnen, inzwischen hat der Großteil seine zweite Impfung erhalten. Dass die Hausärzte jetzt auch impfen dürfen, lässt uns hoffen, dass bald viele immobile Patient*innen zu Hause geimpft werden können.


    ???: Welche Auswirkungen haben die Impfungen und Lockerungen auf das Angebot der Sozialstation?
    Gabi Xander-Decker: Wir haben den Antrag gestellt, eine Tagespflege zu eröffnen. Wir hatten es vor Corona so geplant, dass wir für 20 Tagesgäste Platz haben. Wir holen die Kund*innen ab und bringen sie wieder nach Hause. Ab 8 Uhr geht es mit dem Frühstück los, vormittags gibt es Aktivierungsangebote, anschließend wird gemeinsam gekocht und gegessen. Danach ist Mittagsruhe, es folgen weitere Aktivierungsprogramme und der Nachmittagskaffee. Die Nachfrage danach ist groß, aber bis es soweit ist, kann es noch drei bis sechs Monate dauern. Im September wollen wir außerdem unser Tagesbegegnungszentrum wieder öffnen. Dort bieten wir Platz für 16 Kund*innen, das Angebot ist aber niedrigschwelliger als die Tagespflege.

    ???: Welche Lehren ziehen Sie aus eineinhalb Jahren Corona?
    Gabi Xander-Decker: Während der Pandemie wurden die MDK-Qualitätsprüfungen ausgesetzt, die Dokumentationen wurden aufs Wesentliche eingeschränkt, Dienstversammlungen wurden online durchgeführt, Verordnungs- und Genehmigungswege wurden verkürzt und vereinfacht. Das hat uns gezeigt, dass es auch ohne überbordende Bürokratie möglich ist, die Menschen in ihrer häuslichen Umgebung bestens zu versorgen. Gezeigt hat sich auch, dass Pflege systemrelevant ist und dass die Gesundheits- und Pflegeversorgung nur dann sicherzustellen ist, wenn es gelingt, den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten.

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